O, schaffet Schweigen!! – Ein Widerspruch zum Bloggen?

Immer wieder neu stehe ich vor der Frage, ob eine Veröffentlichung nicht wiederum nur zur Erfüllung der Welt mit Worten, mit Lärm beiträgt. Das Klingeln mit der Glocke „hier bin ich“ geschieht nicht ohne dass es eine kleine ruhige Ecke mit Lärm erfüllt. Und mir scheint, auch der schönste Klang wird Lärm, wenn er im Übermaß geschieht.

– Man sagt mir, ich müsse mehr schreiben um Aufmerksamkeit zu erregen. Und mir ist, das es schon soviel „mehr“ gibt. Das ich selbst dieses mehr an allen Orten wie eine Flut, wie ein Getöse empfinde. Aber wie kann ich zur Stille rufen ohne die Stille zu stören?

– Man sagt mir, ich müsse einfacher und deutlicher, klarer schreiben. Und mir ist, ich nähme den Lesern damit das selber Denken und verschließe ihnen den Raum, den ich ihnen ja gerade öffnen will. Ich will das Fragen im Leser, das Unfertige. Ich wünsche mir, der Leser beginnt zu fragen – aber weniger mich, als sich selbst.

Worte sollten aus der Stille kommen und Worte aus der Stille werden ein wenig Stille beim Leser brauchen. Ob meine Stille genug ist um meine Worte so nennen zu dürfen, ist ungewiss. So sind es eher Worte aus meinem Bemühen um Stille.

Ich will auf dem Weg zu mehr Stille sein und doch versuchen ein wenig in Kontakt zu Menschen, zu Lesern zu bleiben und zu kommen. Dabei werde ich jeweils zu viel von dem einen oder dem anderen tun – und mich gern korrigieren lassen.

Ihr

Andreas Braun

Ich zitiere hier den großen Sören Kierkegaard (1813-1855):

Wenn ich ein Arzt wäre und mich einer fragte: „Was meinst du, muß getan werden?“, so würde ich antworten: „Das erste, was getan werden muß, und die unbedingte Voraussetzung dazu, dass überhaupt etwas getan werden kann, ist -: schaffe Schweigen! Gebiete Schweigen! Gottes Wort kann ja nicht gehört werden, und wenn es mit Hilfe lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird, damit man es auch im Getöse hören kann, so bleibt es nicht Gottes Wort. Schaffe Schweigen!! Ach, alles lärmt, und wie heißes Getränk das Blut bekanntlich in Wallung bringt, so ist in unserer Zeit jenes einzelne, selbst das unbedeutendste unternehmen und jede einzelne, selbst die nichtssagendste Mitteilung bloß darauf berechnet, die Sinne zu reizen oder die Masse, die Menge, das Publikum und den Lärm zu erregen!

Der Mensch, dieser gewitzigte Kopf, sinnt fast Tag und Nacht darüber nach, wie er zur Verstärkung des Lärms immer neue Mittel erfinden und mit größtmöglicher Hast das Geräusch und das leere Gerede möglichst überallhin verbreiten kann. Ja, was man auf solche weise erreicht, ist wohl bald das Umgekehrte: die Mitteilung ist an Bedeutungsfülle wohl bald auf den niedrigsten Stand gebracht, und gleichzeitig haben umgekehrt die Mittel der Mitteilung in Richtung auf eilige und alles überflutende Ausbreitung wohl das Höchstmaß erreicht, denn was wird wohl hastiger in Umlauf gebracht als das Geschwätz?! Und anderseits -: was findet willigere Aufnahme als das Geschwätz?! – O, schaffet Schweigen!!“

Aus „Selbstprüfung“

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