{"id":135,"date":"2022-09-24T15:55:46","date_gmt":"2022-09-24T15:55:46","guid":{"rendered":"https:\/\/wertbegegnung.de\/?p=135"},"modified":"2022-09-24T15:55:46","modified_gmt":"2022-09-24T15:55:46","slug":"der-andere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wertbegegnung.de\/?p=135","title":{"rendered":"Der Andere"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Provisorische Existenz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eprovisorische Existenz\u201c, von der Victor Frankl im Blick auf seine Zeit sprach, verschiebt die Kl\u00e4rung der Lebensfragen auf \u201esp\u00e4ter\u201c. Diese innere Haltung sch\u00fctzt sich unter anderem dadurch, dass ihr Philosophie entweder zu kompliziert vorkommt &#8211; oder als nutzlose Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen aber nicht Nicht-philosophisch leben. Jede Haltung, auch die provisorische, verwirklicht eine Philosophie, die auch dadurch nicht weniger zu verantworten ist, als dass sie selbst als vorl\u00e4ufig oder pragmatisch zu entlasten sucht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Andere als Alltagserscheinung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der stillen Hoffnung auf Leser, die mit mir eine philosophische Betrachtung anstellen, die, wie ich meine, wesentlich ist, m\u00f6chte ich hier kurz \u201eden Anderen\u201c betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Gef\u00fchl des Daseins ist &#8211; wie Heidegger beschreibt &#8211; unter anderem das Gef\u00fchl des besorgt seins. Irgendwie muss ich mit dem Leben, das ich ja nun mal habe, klarkommen. Zwischen Existenzsicherung und Lebensgenuss geht es hin und her &#8211; je nachdem, ob ersteres schon gut gesichert ist. Dabei erscheint der andere wie ein Bestandteil dieses Alltagslebens. Allermeist finde ich ihn in meiner Umwelt vor. Er ist da, sei er aus meiner Vergangenheit kommend (Familie, Freunde) oder als mir vor die Nase gestellter in Beruf oder an der Kasse des Supermarktes.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der N\u00fctzlichkeit (oder der Bedrohlichkeit) des anderen vor meiner Nase, kann sich zuweilen auch ein Gef\u00fchl bemerkbar machen, dass neuerdings mit Empathie bezeichnet wird. Fr\u00fcher sprach man von Mitgef\u00fchl, teils Mitleid oder, genauer, von Einf\u00fchlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kann mein Leben bereichern &#8211; oder mir auch zu viel werden und dann stellt es sich als eine Last dar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Gedankenexperiment &#8211; Wie w\u00e4re es ohne \u201eAndere\u201c?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun stellen Sie sich einen Moment in einem Gedankenexperiment vor, es g\u00e4be f\u00fcr einen Augenblick, der k\u00fcrzer oder l\u00e4nger ist, niemanden auf der Welt au\u00dfer Ihnen. Sie w\u00fcrden sich auch an niemanden mehr erinnern und keine Person kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz sch\u00f6n \u00f6de, meine ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie es noch einen Moment innehalten: Es ist mehr als \u00f6de. Nach einer Zeit, die vielleicht als Pause (aber Pause wovon?) noch entspannend sein k\u00f6nnte, kann sich ein Bewusstsein von Existenzlosigkeit verbreiten. Ohne jemals gehabte Ansprache g\u00e4be es auch in mir selbst keine Sprache &#8211; also auch kein Dialog mit mir selbst. Es g\u00e4be niemand, der mir sagt, dass ich da bin, der mich nett, oder nicht nett findet. In aller Konsequenz&nbsp;&nbsp;eine schreckliche Einsamkeit, ja eine Art Nicht-Sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt beenden wir endlich dieses Gedankenexperiment und sind wieder unter Menschen. Ich hoffe, Sie empfinden mit mir, dass ich den anderen mehr brauche als nur irgendwie. Den ersten Menschen, den ich nach solch einer Erfahrung antreffe, werde ich staunend und begl\u00fcckt anschauen, vielleicht wagen, ihn anzusprechen und gl\u00fccklich bemerken, dass er mich bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mehr als nur vorhanden sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heidegger spricht vom Dasein als von einem geworfen sein. Und zwar einem in die Welt geworfen sein. Die Welt ist das, woran ich erkenne, dass ich da bin (n\u00e4mlich da in der Welt, an einem Ort und in diesem Moment). Welt ist also nichts Optionales, das man haben k\u00f6nnte oder auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in dieser Welt sind Dingen &#8211; und Menschen &#8211;&nbsp;&nbsp;sozusagen in der N\u00e4he meiner Hand, also vorhanden. Damit stehen sie mir auch zur Hand, zur Verf\u00fcgung. Aber ist das alles?<\/p>\n\n\n\n<p>Person sein ist mit dem in der Welt sein nicht ausreichend genau beschrieben. Person werde ich am anderen, am Gegen\u00fcber (siehe mein Blogbeitrag \u00fcber Kommunikation). So ist mir der andere nicht einfach nur der, der vor-mir-ist (vorhanden). Der andere ist das (der) wesentliche an meinem Menschsein. Er ist eben auch nicht optional &#8211; wie das Gedankenexperiment vielleicht eine wenig veranschaulicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Allt\u00e4glichkeit und Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Da-Seins des anderen ger\u00e4t dies schnell in Vergessenheit (oder gar nicht erst in Bewusstsein).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Personenstiftung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Worauf es mir in dieser Betrachtung nun speziell ankommt, ist die Unvermeidbarkeit des Personstiftenden (meiner Person) durch den anderen zu jeder Zeit. Alle Begegnung, aller Umgang mit dem anderen ist ein Umgang mit mir selbst!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Begegnung ist ja das, was mich zu einer Person macht. Ich finde mich in einer Situation mit anderen vor &#8211; und inwieweit ich diese annehme (den anderen annehme) hat unmittelbar mit meinem eigenen Person-sein zu tun. Und ebenso ein Abweisen &#8211; ich weise ein werden wollen (sollen?) meiner selbst ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie ich nach Wazlawik nicht Nichtkommunizieren kann, kann ich in einer Begegnung nicht die Begegnung vermeiden. Selbst die Vermeidung der Begegnung durch Ort oder Zeit ist eine wirksame Handlung an mir selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Selbstmord aus Angst vor dem Leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt diesen Satz \u201eSelbstmord aus Angst vor dem Tod\u201c. Er beschreibt genau diese Angst vor dem existenziellen Leben. Die Angst, die so gro\u00df werden kann, dass sie meint, sich nur mit Mitteln sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen, die letztlich in eine Rekursion f\u00fchren, zu einem doch tun in dem nicht tun wollen &#8211; aber in einer nicht gemeinten Weise.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sich ereignende Begegnung bietet nicht die M\u00f6glichkeit einer \u201eprovisorischen\u201c Handlung, die sozusagen neutral w\u00e4re. Die gef\u00fchlte Neutralit\u00e4t ist eine Neutralit\u00e4t \u201edes Kopf in den Sand Steckens\u201c, eine Neutralit\u00e4t der Abstumpfung und Lebensvermeidung. Sie vermeidet aber nichts, weil sie ihrerseits eine Entscheidung, eine Stellungnahme, ist. Eine Stellungnahme zum anderen, die damit eine Stellungnahme zu mir ist. Eine Stellungnahme der \u201eNichtung\u201c, vielleicht nicht der Vernichtung, aber doch der aktiven Passivit\u00e4t &#8211; nahe dran und im Wesen mittendrin im Selbstmord aus Angst &#8211; vor dem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Praktischer Ausl\u00f6ser&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text hat einen Ausl\u00f6ser. Es geht um eine ph\u00e4nomenologische Betrachtung der Fl\u00fcchtlingsereignisse im Herbst 2015. Wie diese Gedanken darauf anwendbar sind, m\u00f6chte ich erst einmal dem Leser \u00fcberlassen. Vielleicht schreibe ich etwas dazu, wenn es gew\u00fcnscht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht mir nicht darum eine Position zu beziehen. Es geht mir um die Unvermeidlichkeit des existenziellen des Anderen &#8211; um seinetwillen ebenso wie um meinetwillen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Fehler, den man machen kann, wird nur noch \u00fcberboten von dem Fehler, aus Angst vor diesem gr\u00f6\u00dften Fehler zu meinen, nichts zu machen w\u00e4re eine fehlerneutrale Option.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p> <sub>Dieser Text wurde bereits 2015 geschrieben aber nur Freunden zug\u00e4nglich gemacht. <\/sub><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Provisorische Existenz Die \u201eprovisorische Existenz\u201c, von der Victor Frankl im Blick auf seine Zeit sprach, verschiebt die Kl\u00e4rung der Lebensfragen auf \u201esp\u00e4ter\u201c. 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