Teil I Gedanken zur Kommunikation

Michel

Michel

Wert der Kommunikation

Ich halte meinen Enkel Michel auf dem Arm. Michel ist einige Monate alt. Ich schaue ihn an und sage: „Michel“. Und dann wieder, in vielen Tonlagen und Varianten, an vielen Tagen immer wieder „Michel“. Und nicht nur ich. Auch seine Mutter, Geschwister, Oma’s und Opa’s  sprechen ihn an:“Michel“.

Monate später spielen wir zusammen. Das Spiel geht zwischen ihm und mir hin und her. Michel sagt abwechselnd „Opa dran“ und „Michel dran“.

Er weiß von sich noch kein „Ich“. Zuerst ist mein Du, das Du, das andere ihm sagen. Und diese anderen haben „Du = Michel“ gesagt. Das Michel eine Person ist haben andere ihm „kommuniziert“. Erst aus diesem ihm von anderen gesagtem, gemeintem, gesehenem wird er mehr und mehr eine eigenständige Person, eben der Michel. Eines Tages, vielleicht schon in einem Akt der Abstraktion, der Selbstdistanzierung wird er „ich“ sagen.

Im Anfang ist also die Ansprache. Als Name, aber immer auch als gemeint sein, als gesehen sein, als Objekt der Aufmerksamkeit und des Interesses anderer Menschen.

Michel musste gefüttert werden (aktuell isst er schon allein), gewindelt, gekleidet, gewärmt, behütet und vieles mehr. Das war nötig – aber niemals hätte es ausgereicht. Michel wäre nie Michel geworden ohne Ansprache.

Was auch immer ich einem Menschen ansonsten Gutes tue, wenn ich ihn nie persönlich anspreche, nie ganz meine, werde ich das Eigentliche des Anderen verfehlen.

Dasjenige Element in der Kommunikation, das auch als Begegnung bezeichnet wird, ist das, das durch nichts anderes ersetzt werden kann. So geht es mir im Grunde um diesen Aspekt zuerst und zumeist.

Zuerst will ich mich daran erinnern: Im Gewühl all der anderen Dinge, die ich mit Sprache, mit Kommunikation bezwecke, erreiche und auch erleide, will ich dem Wichtigen Aufmerksamkeit schenken: Dass ich mich dadurch kenne, dass andere mich angesprochen haben, mich gemeint haben. Und genauso: dass ich mein Leben nur dann gewinne, wenn ich in diesen anderen anspreche, meine und ihm begegnen will in seinem ganz Eigenen. Nur indem ich mich loslasse, gewinne ich mich.

Ich will

Nun lasse ich also für einen Moment den Zweck der Kommunikation außen vor (nicht generell, nur zur Klärung). Was bleibt? Bleibt etwas? Was ist es mir wert?

Hier kommen wir nun zur Wertbegegnung. Nur wenn ich diesem Wert in mir begegne und sich dazu ein Gespür einstellt, kann (und wird) daraus eine Motivation erwachsen. Und umgekehrt: Spüre ich keine, oder kaum, Kraft zu solch einer Offenheit, Bereitschaft etwas zu tun für diesen Wert, ist er in mir verhüllt oder versteckt. Genau hier würde die Logotherapie ansetzen.

Wachstum geschieht im (zielgerichteten) Überwinden von Widerstand. Ich weiß nun, dass ich will. Welcher Widerstand wird sich mir in den Weg stellen?

Ich meine, dies ist in erster Linie das innere Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit. Das Erlernen von Kommunikationstechniken folgt oft unbewusst (oder bewusst) dem Wunsch in einem Gespräch weder dem anderen noch der Gesprächsentwicklung ausgeliefert zu sein.

Begegnung beinhaltet jedoch genau dieses Öffnen und das sich Ausliefern in eine empfangende Begegnung.

Der erste Schritt – Raum geben

Der Raum, in dem sich ein Gespräch ereignen kann, muss aktiv gegeben werden. Von allein ist er nicht da – denn ich fülle ihn mit meinen Erwartungen, Gefühlen, Zwecken, Vorannahmen und manch anderem.  Raum geben bedeutet, sich selbst aktiv anzuhalten.  Genau genommen ist der Raum des Gesprächs also doch vorhanden – wird aber durch mich kontinuierlich gefüllt. Mit dem aktiven „Raum-geben“ meine ich also wesentlich, das automatische „Raum-füllen“ durch mich aktiv zu stoppen.

Diese aktive Handlung ist der oben genannte Widerstand, den ich überwinden muss. Von allein würde ich schnell in die Haltung der „Gesprächsführung“, des Begründens, Erfragens, bis hin zum Rechtfertigen kommen. Ich vertraue nur mir, was mich angeht. Nun aber wage ich der Situation zu  trauen. Dem Unbekannten das geschehen wird, wenn ich dem Anderen Raum lasse.

 —– Fortsetzung folgt

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